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GAGARIN UND DIE BEWEGUNG KOSMOS

 

 

 

 

 

Wostok1 and Pilot

 

Am 12. April 1961 begann mit der Erdumrundung des Raumschiffes Wostok die Geschichte der bemannten Weltraumfahrt. Das Datum fixiert gleichzeitig die Geburt eines sowjetischen Heldenmythos.

Das Weltraumblechspielzeug meiner Kindheit bestand aus NASA-Raketen, und mein batteriebetriebenes Raumschiff japanischer Provenienz mit amerikanischem Hoheitszeichen und der Aufschrift „U.S.A.F. – GEMINI X5“ steht noch heute auf meinem Bücherregal. Ich erinnere mich auch, dass wir als Kinder zur ersten Mondlandung zu nachtdunkler Stunde geweckt wurden und schläfrig dieses welthistorische Ereignis am Schwarzweißfernseher verfolgten. Als die Apollo-Landefähre dann endlich auf der Mondoberfläche aufgesetzt hatte und Neil Armstrong die ersten Schritte auf den Erdtrabanten setzte, stellte mein Vater das Gerät mit der Bemerkung ab, dass die Amerikaner jetzt zwar offensichtlich auf dem Mond wären, dass der erste Mensch im Kosmos jedoch ein Sowjetrusse gewesen sei, nämlich Juri Gagarin. Den Namen Gagarin habe ich wie so manch anderen väterlichen Hin- bzw. Verweis sofort verdrängt. Die Spaceheroes meiner Jugend waren Astronauten, Kosmonauten empfand ich als zweitklassig. Erst als ich im Rahmen meiner ersten Moskaureise im September 1997 zufällig Zeuge des Abrisses der Weltraumausstellung im Pavillon Kosmos wurde, begann ich mich für die Sowjetikone Gagarin zu interessieren.

Juri Alexejewitsch Gagarin wurde am 9. März 1934 als Sohn von Kolchosbauern im Dorf Kluschino nahe Smolensk geboren. Nach dem Mittelschulbesuch und einer Ausbildung zum Gussformer konnte er sich den offensichtlich seit der frühen Kindheit bestehenden Wunsch, Flieger zu werden, durch eine Militärpilotenausbildung erfüllen. 1959 wird er unter zweitausend Bewerbern zur Kosmonautenausbildung ausgewählt, von zweihundert Testpiloten qualifizieren sich Gagarin und German Titow ex aequo als die Besten. Gagarin wird schließlich aufgrund seiner „makellosen Klassenherkunft“ als Kosmonaut Nr. 1 bestimmt.

Das Bild des proletarischen Raumfahrtshelden wurde von Anfang an von der politischen Nomenklatura mitkonstruiert, niemand eignete sich besser dafür als der intelligente und charmante Bauernjunge. Zwei Tage nach seiner Rückkehr aus dem All wird Gagarin in Moskau von Chruschtschow empfangen, die kilometerlange Fahrt vom Flughafen zum Kreml im offenen Wagen gestaltet sich zum Triumphzug. Die Begeisterung von zigtausenden Menschen während des Auftrittes Gagarins auf der Tribüne des Lenin-Mausoleums ist nicht wie bei Mai-Aufmärschen und anderen Anlässen verordnet, sondern tatsächlich spontan.

Die Sowjet-Regierung erkennt den Propagandawert ihres lächelnden Helden der Sterne und schickt ihn als Botschafter des Kommunismus in mehr als dreißig Auslandsreisen um die Welt. In New York und Tokio, von Indien bis Kuba wird der erste Mensch im Kosmos von Menschenmassen enthusiastisch gefeiert, England erlebt Massenhysterien wie kurze Zeit später nur bei Auftritten der Beatles. Die Sowjetunion hat ihren ersten und einzigen internationalen Popstar, neben Chruschtschow wird Gagarin zum personifizierten Inbegriff für eine offenere Gesellschaft.

Während Gagarin anfangs seine Popularität genießt, leidet er zunehmend unter dem Druck der Öffentlichkeit. Alkoholexzesse und Frauenaffären lassen sich nicht immer vertuschen und trüben das Bild vom braven Familienvater und tapferen Helden der Sowjetunion. Als Nikita Chruschtschow 1964 durch Breschnew gestürzt wird, befindet sich Juris Stern bereits im Sinkflug und mit dem frühen Tod von Sergej Koroljow, des Chefkonstrukteurs der sowjetischen Raumfahrtsprogramme, verliert er einen weiteren Freund und Förderer. Trotzdem kämpft Gagarin nochmals um die Chance für einen zweiten Flug ins All. Als stellvertretender Chef des Kosmonautenausbildungszentrums wird er schließlich als Ersatzmann für den ersten Sojus-Flug nominiert, als dessen Kommandant der damals mit Abstand älteste und erfahrenste Kosmonaut fungiert: Wladimir Komarow. Mit dem Sojus-Start am 23. April 1967 war er zugleich der erste Mensch, der zum zweiten Mal ins All flog. Doch die Mission endete tragisch, das Raumschiff stürzte bei der vorzeitigen Rückführung ab. Der Hauptfallschirm versagte, der Ersatzfallschirm entfaltete sich nicht richtig, die tonnenschwere Kapsel schlug ungebremst auf, explodierte und brannte aus. Gagarin, der bis kurz vor dem Start im Wissen um technische Mängel verzweifelt einen Abbruch des Unternehmens herbeizuführen und diesbezüglich sogar direkt mit Breschnew Kontakt aufzunehmen versuchte, fühlte sich für den seiner Meinung nach fahrlässig herbeigeführten Tod des Freundes verantwortlich und   erlebte das Debakel als endgültigen Machtverlust, sich selbst als lebende Legende ohne Einfluss.

Gagarins eigener Tod ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Er starb am 27. März 1968 beim Absturz mit einer MIG. Es war ein ganz banaler Übungsflug. Sein kosmischer Zwillingsbruder German Titow sagte später: „Die Leute haben gestrahlt, wenn sie ihn sahen, weil Juri dem ganzen Planeten gehörte, den er verlassen hatte.“ Und Neil Armstrong, dem es vorbehalten war, den Traum des Kolchosjungen zu vollenden: „Es war Juri Gagarin, der uns aufforderte, nach den Sternen zu greifen.“

Die Bewegung Kosmos wurde bei eingangs erwähntem Moskauaufenthalt von mir gemeinsam mit dem Übersetzer und Russland-Experten Erich Klein und Klaus Nellen, Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen, gegründet. Am ursprünglichen Ziel, den Kopf des Juri Gagarin, genauer eine etwa 1 Meter große, eigentlich potthässliche Aluminiumbüste, den Kosmonauten mit Helm darstellend, aus dem Pavillon Kosmos vor der Verschrottung zu retten, sind wir gescheitert. Der Plan war zwar exzellent, warum er nicht in die Tat umzusetzen war, kann hier jedoch nicht ausführlicher dargestellt werden. Wir haben, soviel sei jedoch mitgeteilt, in nächtelangen Beratungen noch in Moskau die Aufgaben der Bewegung neu definiert. Deren primäres Ziel ist es seither, das Lächeln des Juri Gagarin massenhaft in die Antlitze der Frauen zu zaubern. Noch nicht weltweit, aber immerhin in mehr als zwanzig Ländern arbeiten hervorragende Spezialisten ständig an dieser Herausforderung. Spätestens bis zum 50. Jubiläum von Gagarins historischer Raummission soll die Bewegung Kosmos lückenlos und weltweit agieren. In der Zwischenzeit wurde begonnen, in Wien ein Gagarin-Archiv einzurichten, in dem wichtige Dokumente und Utensilien gesammelt werden. Erst kürzlich konnte über polnische Mittelsmänner ein stoßgesichertes und verschraubtes Exemplar des Modells der Uhr Marke Sturmanskie, die Juri Gagarin beim ersten Weltraumflug dabei hatte, für dieses Archiv erworben werden. Ich habe sie anlässlich einer Juri-Gagarin-Gedenkfeier im Grazer Forum Stadtpark am 12. April dieses Jahres erstmals getragen. Sie geht auf die Sekunde genau.

Erschienen 2001 im Album von "Der Standard"

 

 
 
 
 
     
 
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