- Muß man
wirklich acht Stunden am Tag üben, wenn man Konzertpianist
werden will?
- Was versteht man
genau unter Technik?
- Muß man 60
Jahre alt werden, um musikalische Reife zu
erlangen?
- Braucht man
Tonleitern und trockene
Übungen?
- Ich habe vielleicht
zu viel (und womöglich auch mit falscher Technik)
geübt,
und mir tut alles weh!
- Warum habe ich
Gedächtnislücken?
- Muß man
überhaupt auswendig lernen und
spielen?
- Warum habe ich
Lampenfieber?
- Ich spiele doch
ausgezeichnet, warum fühle ich mich trotzdem
unwohl?
- Was ist ein
"Echtes Rubato", was ein "Falsches
Rubato"?
- Was ist wirklich
Rhythmus, was sind "Punkte in der Zeit" und was ist
"Gruppenordnung";
was sind Proportionen in der Musik und wozu braucht man
sie?
- Gibt es in der
Musik auch Yin-Yang...?
- Brauche ich beim
Klavierspielen den Körper?
Wenn ja, soll ich ihn direkt einsetzen oder nur indirekt, als
Stütze?
- Warum verkrampfe
ich mich beim Klavierspielen?
- Was müsste
bei mir locker sein?
Ist eine gewisse Spannung vielleicht doch notwendig, oder muss
ich sie in jedem Fall vermeiden?
- Sind auch Gewicht
und Druck notwendig?
- Muß die
Handhaltung wirklich "natürlich"
sein?
- Wie soll meine
Handhaltung ausschauen, wenn ich ohne Gewicht und Druck spielen
will?
- Und die
Körperhaltung... gibt es auch hier genaue Anweisungen? Wie
hoch und in welcher Entfernung zur Tastatur soll ich am Klavier
sitzen?
- Wie wirken sich
physikalische Gesetze beim Musizieren
aus?
- Muß
man wirklich acht Stunden am Tag üben, wenn man
Konzertpianist werden will?

Mit einer geeigneten Technik gibt es beinahe keine Hindernisse,
deren Überwindung eine so hohe Anzahl von Übungsstunden
zu normalen Zeiten (das heißt, nicht unmittelbar vor einer
wichtigen Verpflichtung) rechtfertigen könnte. Oft jedoch
verursacht die Klaviertechnik eher Hindernisse und Probleme,
anstatt sie zu lösen. Sind diese Hindernisse einmal
vorhanden, muß der ganze Spielapparat trainiert werden, um
so stark zu sein, daß seine Kapazitäten über
diejenigen, die notwendig sind, um diese Hindernisse zu
bewältigen, hinausgehen. Die Schwierigkeiten einer
bestimmten Passage werden in fast allen Fällen von einer
falschen Technik verursacht. Man sollte daher die Technik
perfektionieren, anstatt Passagen zu üben. Ist die Technik
in Ordnung, so gibt es natürlich trotzdem noch immer
Stellen, die schwieriger sind als andere, und die entsprechend
mehr Übungszeit (aber ganz gewiß keine acht Stunden am
Tag) benötigen. Die Probleme werden in erste Linie im Kopf
gelöst und nicht mit bloßer Muskelkraft. Vier bis
fünf mit voller Konzentration geübte Stunden sollten in
den meisten Fällen ausreichen. Wenn die Konzentration
nachläßt, dann empfiehlt es sich, eine ganz kurze
Pause von einer bis zwei Minuten zu machen oder einfach etwas
anderes zu spielen; danach kann man in den meisten Fällen
frisch weiter üben.
- Was
versteht man genau unter Technik?

Unter Technik versteht man nicht einzelne Übungen, sondern
die Art, wie man Klavier spielt. Die Technik umfaßt alle
Mittel, die wir zur Verfügung haben, um unsere musikalischen
Ziele zu erreichen. Sie bezieht sich nicht nur auf den
Spielapparat, sondern auch auf andere Aspekte, wie zum Beispiel
Rhythmus, Vortragsregeln, etc.
- Muß
man 60 Jahre alt werden, um musikalische Reife zu
erlangen?

Das ist eine weit verbreitete Meinung. Zur Intuition und zum
musikalischen Talent summiert sich mit fortschreitendem Alter die
Erfahrung. Man hat gelernt, was die Zuhörer als angenehm und
richtig empfinden. Inwieweit diese Erfahrung auch Wissen ist, das
heißt, so weit bewußt, daß man in der Lage ist,
das Erreichte jederzeit zu reproduzieren oder es im Unterricht
weiterzugeben, sei dahingestellt. Wenn man aber die
Gesetzmäßigkeiten der von Tradition und Allgemeinheit
gut und richtig eingestuften Art zu musizieren erkannt hat und
diese Gesetze so zu formulieren vermag, daß sie auch von
jungen Menschen verstanden und jederzeit reproduziert werden
können, dann hat dieses Alters-Mythos keine Berechtigung
mehr. Es gibt ganz konkrete und analysierbare Unterschiede
zwischen der als gut und reif und der als zwar vielversprechend,
aber noch unreif bezeichneten Art, Musik zu machen.
- Braucht
man Tonleitern und trockene Übungen?

Tonleitern sind wichtig, um die Fingersätze der jeweiligen
Tonart zu lernen und diese dann wieder einzusetzen, wenn die
entsprechende Tonfolge vorkommt. Selbstverständlich
muß man alle Tonarten kennengelernt haben; das ist aber
auch schon alles. Bitte lesen Sie die Antwort zu meiner ersten
Frage! Wenn die Technik stimmt, braucht man keine Tonleitern, um
die Muskeln zu trainieren und Geläufigkeit zu erreichen.
Muskeln braucht man, wenn man mit Gewicht und Druck spielt und in
der Lage sein muß, die unnötige Last noch dazu schnell
hin- und herzutransportieren. Ähnliches kann ich zu den
trockenen (musiklosen) Übungen sagen. Diesen sportlichen
Leistungen sind nicht alle Menschen gewachsen; außerdem
führen sie allzu oft zu Verletzungen oder Entzündungen
bis hin zur frühzeitigen Aufgabe des erwünschten
Zieles.
- Ich habe
vielleicht zu viel (und womöglich auch mit falscher Technik)
geübt,
und mir tut alles weh! 
Das ist die Fortsetzung der obigen Antwort. Ihr Problem ist
einfach Überbelastung. Sie gehören zu den Menschen, die
vielleicht nicht die robuste Konstitution besitzen, um
große sportliche Leistungen durchzustehen, oder Sie haben
nicht das Glück gehabt, von einem guten Lehrer so
geführt zu werden, daß Sie halbbewußt, trotz
Gewicht und Druck, durch gezielte Rotationsbewegungen, die dazu
dienen, die Gelenke beweglich zu halten, ohne Beschwerden spielen
können. Es geht aber auch anders: Wenn Sie lernen, ohne
Überbelastungen (das heißt vor allem, ohne Gewicht und
Druck) zu spielen, dann werden Sie sich von Ihren Beschwerden
befreien können, und zwar endgültig. Eine erzwungene
Spielpause oder eine medikamentöse Behandlung sind keine
Dauerlösung; die Ursachen des Problems müssen erkannt
und beseitigt werden.
- Warum
habe ich Gedächtnislücken?

Um diese Frage beantworten zu können, muß ich einige
Gegenfragen stellen: Was heißt auswendig lernen? Wie
bewußt sind Sie, wenn Sie zu Hause, in aller Ruhe und ohne
Aufregung, spielen? Glauben Sie wirklich, jeden Ton im Kopf zu
"sehen", bevor Sie ihn spielen? Es gibt einen einfachen Test, um
Ihren Bewußtseinsgrad festzustellen: Versuchen Sie, bei
einem bestimmten Stück die Reihenfolge der Tasten für
eine Hand mit dem Zeigefinger stumm (ohne Ton) zu zeigen. Sie
werden wahrscheinlich feststellen, daß es entweder gar
nicht geht, oder daß Sie dabei beträchtliche
Lücken haben. Mit diesem Test schalten wir einfach die
Automatik aus. Ohne den Fingersatz und ohne den Ton müssen
Sie wirklich die Tasten (Noten) wissen, um sie zeigen zu
können. Das Gedächtnis besteht aus vielen Schichten:
dem fotografischen Gedächtnis (den Bildern), dem
"geographischen" Gedächtnis (der Geographie der Tastatur),
dem Gedächtnis der Bewegungsabläufe, vor allem des
Fingersatzes, dem akustischen Gedächtnis (den Tönen)
und dem theoretischen Gedächtnis (Harmonie, Form, etc.).
Alle diese Elemente zusammen erzeugen die "Bilder", die vor und
während des Spiels in unserem Kopf erscheinen. Meine
"Kreis-Methode" hilft Ihnen, systematisch und geordnet, Schicht
für Schicht, auswendig zu lernen. Eine detaillierte
Erklärung dieser Methode können Sie per Email
anfordern. Auch wenn Sie mir sagen, daß Sie
jeden einzelnen Ton niederschreiben können, handelt es sich
sehr wahrscheinlich um ein rein theoretisches und daher
statisches Gedächtnis. Das Gedächtnis muß aber
dynamisch sein, alle Ereignisse müssen der Reihe nach, also
im Verlauf der Zeit und in Form von Bildern im Kopf erscheinen,
bevor sie in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Wenn Sie mit
Gewicht und Druck spielen, dann sind Sie nur bedingt in der Lage,
die Töne einzeln zu gestalten. Es entstehen "globale"
Rotationsbewegungen, die dazu dienen, die eingesetzten
Körpermassen hin- und herzutransportieren; auf dem Weg,
sozusagen "nebenbei", werden die Töne erzeugt. Die sich
bewegenden Körpermassen entwickeln ihre Eigendynamik und
ihre Trägheit, sodaß der Kopf, fast könnte man
sagen, "als Beobachter" die Geschwindigkeit der Bewegungen und
die Lautstärke den eigenen Vorstellungen gemäß zu
lenken versucht. Man hat das Gefühl, "in einer Wolke oder im
Nebel zu sein" und nicht klar denken zu können. Dieser
Prozeß ist zum größten Teil automatisch. Durch
stundenlanges Üben wird diese Automatik so weit
gestärkt, daß es halbwegs sicher ist, vor Publikum
auswendig zu spielen. Was passiert aber, wenn die Automatik
einmal versagt? Man bekommt panische Angst, wird unsicher und
verliert sein Selbstvertrauen. Es könnte jedes Mal wieder
passieren!... Man hat aber in Wirklichkeit kaum etwas vergessen,
denn man kann unmöglich etwas vergessen, das nie da war! Die
Elimination des Gewichtes und des Druckes erlaubt die direkte
Verbindung des Gehirns mit den ausführenden Fingern. Wenn
man nicht rollt und daher nicht von der Trägheit
vorangetrieben wird, kann man jeden Ton einzeln gestalten, den
richtigen Zeitpunkt seiner Erscheinung bestimmen und ihm den
gewünschten Inhalt geben. Aus einzelnen, bewußten und
inhaltsvollen Tönen entsteht dann die "große Linie".
Nur unter diesen Bedingungen können die Intentionen das
Instrument erreichen und in Töne umgewandelt werden. Diese
bewußte Art, Klavier zu spielen bringt Klarheit im Kopf und
verhindert Gedächtnislücken.
- Muß
man überhaupt auswendig lernen und
spielen?

Ja! Es ist absolut notwendig, auswendig zu spielen,
vorausgesetzt, man will bewußt spielen, eine Technik ebenso
bewußt umsetzen und jedem Ton seine eigenen Intentionen
übermitteln. Wenn man mit Gewicht und Druck spielt, basiert
ein hoher Prozentsatz des Spiels (wie oben erklärt) auf
Automatik. Die musikalischen Intentionen richten sich daher
vorwiegend auf mehr oder weniger große Gruppen von
Tönen; eine direkte Einbindung der Intentionen bei einzelnen
Tönen ist sehr schwer (und gelingt meistens nur in extrem
langsamen Sätzen), weil dieses Vorhaben die bewußte
Erzeugung dieser Töne erfordert. Wenn man von Noten spielt,
sind die Noten nur mehr der Reiz, der die schon fast
vollständig automatisierten Bewegungen hervorruft. Das
geschieht praktisch ohne bewußte Teilnahme der Kopfes und
geht sozusagen vom Notenbild durch die Augen direkt in die
Finger. Wenn man nicht weiß, WAS man spielt, dann kann man
unmöglich genau wissen, WANN und noch weniger, WIE man es
spielt.
- Warum
habe ich Lampenfieber?

Lampenfieber ist keine Krankheit! Es ist nur ein Zeichen: Es
zeigt die vielen Lücken, mit anderen Worten, die
unbewußten Bereiche, die man im Laufe der Jahre im
Lernprozeß gesammelt hat. Lücken erzeugen in jedem
Fall Unsicherheit, umso mehr, wenn sie unbewußt sind. Man
ist unsicher, weil das auswendig gelernte Stück nur zu einem
(oft sehr kleinen) Teil im Kopf "gespeichert" ist, und man
weiß außerdem nicht genau, wie groß der
fehlende Teil ist. Auch wenn oder gerade weil man nicht auswendig
spielt, sind die Bewegungen, die man bei der Lösung von
spieltechnischen Problemen benötigt, so "global" (also an
die "Mengen" von Tönen gerichtet), daß der
prozentuelle Teil der Automatismen seinen höchsten Wert
erreicht. Unbewußte Vorgänge können nur
Unsicherheit und Angst hervorrufen, auch wenn man sie stunden-,
monate- oder jahrelang unermüdlich geübt und vollkommen
automatisiert hat. Nur wenige privilegierte und genug
unverantwortliche Menschen sind in der Lage, in einem solchen
Zustand der "Unwissenheit" öffentlich aufzutreten und
trotzdem ohne Lampenfieber glanzvolle Leistungen
hervorzubringen.
- Ich
spiele doch ausgezeichnet, warum fühle ich mich trotzdem
unwohl?

Ihre Art zu spielen und sicher auch zu üben ist nicht
effektiv genug. Sie investieren zu viel Zeit, um ein mageres
Produkt zu erreichen. Dieses Produkt ist außerdem
mangelhaft, auch wenn man (vorausgesetzt, man hat einen "guten"
Tag) manchmal oder sogar oft sehr gut spielt. Die Mängel und
die unbewußten Bereiche werden durch Automatismen
überbrückt. Wie schon oben erklärt, wissen wir,
daß Automatismen nur Unsicherheit und Angst erzeugen. Eine
auf Gruppen von Tönen gerichtete und daher
oberflächliche Art zu spielen und zu musizieren verhindert
den bewußten Anschlag einzelner Töne und macht so die
Wechselwirkung der Spannungsverhältnisse zwischen den
Tönen unmöglich. Ohne Spannungsverhältnisse und
ohne ihre Wechselwirkung wird die Musik schwer verständlich
und daher auch uninteressant. Wenn man musikalisch hochbegabt ist
und ein großes Bedürfnis danach hat, sich
auszudrücken, dann soll man sich nicht wundern, daß
man sich mit einem so mangelhaften Produkt unglücklich
fühlt!
- Was ist
ein "Echtes Rubato", was ein Falsches Rubato?

Was ist ein "Echtes Rubato", was ein Falsches Rubato? Da es immer
wieder zu Mißverständnissen und falschen
Interpretationen, den Begriff Rubato betreffend, kommt, verwende
ich die Ausdrücke Echtes Rubato und Falsches Rubato. Das
Echte Rubato ist das Tempo Rubato, wie es seit der Barockzeit bis
weit in die Romantik verstanden wurde. Dabei werden manche
Melodienoten kürzer, manche länger gespielt. Diese
Veränderungen werden immer im bezug auf die Begleitung
gemacht. Die Begleitung selbst verändert ihre
gleichbleibende Geschwindigkeit nicht. Man kann ständig die
Melodie mit der Begleitung (die als Referenz fungiert)
vergleichen, indem man bei bestimmten Melodienoten "kürzer
oder länger als diese unveränderliche Referenz" denkt.
Das Falsche Rubato ist die "modernere Version" des Rubato;
eigentlich sollte es zutreffender Temposchwankungen heißen.
In diesem Fall wird das allgemeine Tempo, sowohl in der Melodie,
als auch in der Begleitung, verändert. Die Temposchwankungen
laufen in allen Stimmen parallel und müssen ausgeglichen
sein. Das heißt, um langsamer werden zu dürfen,
muß man zuerst schneller geworden sein und umgekehrt;
Hauptsache ist, daß die Rechnung auf Null bleibt. Dieser
Ausgleich findet meistens innerhalb eines Taktes oder der Teile
eines Taktes statt; in einigen Fällen jedoch kann er sich
über mehrere Takte erstrecken. Sollte es keinen Ausgleich
geben, dann haben wir es nicht mit Rubato, sondern entweder mit
Accelerando oder Ritardando zu tun. Besonders in der Romantik
finden wir oft beide Rubatoarten gemeinsam. In den
Chopin-Nocturnes gibt es zahlreiche Beispiele für die
gleichzeitige Anwendung beider Arten von Rubato. Die oft sehr
langen und schnellen Ornamentationen mit ungeraden Notenwerten
können nicht unter Beibehaltung des Grundtempos gespielt
werden; da muß die Begleitung einfach mitmachen und
langsamer werden. Die ungeraden Notenwerte sorgen, ganz im Sinne
des Echten Rubatos, dafür, daß kaum eine Note der
Melodie mit der Begleitung zusammenfällt. Ansonsten war das
berühmte Chopin-Rubato ganz gewiß stets ein Echtes
Rubato. Hilfe für das Verständnis des Rubato
könnte auch die Beantwortung der Frage Was ist Rhythmus und
was sind Proportionen? bringen.
- Was ist
wirklich Rhythmus, was sind "Punkte in der Zeit" und was ist
"Gruppenordnung";
was sind Proportionen in der Musik und wozu braucht man
sie? 
Die Zeit als Abstraktum ist nur durch die Beobachtung der
Geschehnisse in ihrem Verlauf vorstellbar und messbar. In ihrem
konstanten Fließen von der Vergangenheit in Richtung
Zukunft erlaubt uns die Zeit, eine Ordnung innerhalb dieser
Geschehnisse festzulegen. Diese Ordnung könnte man nach
Aristoteles als das Verhältnis zwischen dem Vorher und dem
Nachher von irgendetwas definieren. Durch die Einteilung in
Zeitbruchteile können wir dieses "Etwas" zwischen einem
Davor und einem Danach plazieren. Denselben Begriff von Ordnung
kann man in einem räumlichen Sinn anwenden: Das "Etwas", in
diesem Fall ein greifbares Objekt, ist zwischen den Objekten, die
vor und nach ihm sind, plaziert. Durch diese Ordnung bringt es
sich in Relation zu den sich vor und nach ihm befindlichen
anderen Objekten. Die Zeit selbst schreitet kontinuierlich und
unwiderruflich in Richtung Zukunft fort und läßt
gleichzeitig die Vergangenheit zurück. Die Gegenwart ist
nichts anderes als ein Punkt in ständiger Bewegung; sie ist
die Grenze zwischen dem Vorher und dem Nachher, ein winziger
Punkt in der unendlichen Linie Vergangenheit-Zukunft, ein Punkt
in der Zeit. Durch die Verbindung zwischen Raum und Zeit ist es
uns möglich, uns eine räumliche Einteilung der Zeit
vorzustellen. In dem Begriff Geschwindigkeit sind Raum und Zeit
vereint. "Punkte in der Zeit" sind die Stationen einer Strecke
(das ist die Entfernung zwischen zwei Punkten), die in einer
bestimmten Zeit "gefahren" wird. Das entspricht der
physikalischen Definition der Geschwindigkeit. Die Entfernungen
sind konstant, doch die Zeit, die wir brauchen, um durch eine
bekannte und vordefinierte Strecke zu fahren, ist variabel.
Alles, was sich bewegt, unterliegt dem Gesetz der Trägheit.
Das schließt uns "Klavierspieler" und auch das Instrument
Klavier mit ein. Nach dem Trägheitsgesetz braucht jeder
Körper in Bewegung so viel zusätzliche Energie, wie er
durch die Reibung verliert, um seine Bewegung zu erhalten. Ohne
Energieverlust würde dieser Körper ewig in Bewegung
bleiben. Ein Körper im Ruhezustand würde genauso ewig
in diesem Zustand bleiben, wenn man auf ihn nicht eine Kraft
einwirken ließe, die ihn in Bewegung setzt. Ein Körper
in Bewegung braucht daher viel weniger Energie, um seine Bewegung
zu erhalten, als derselbe Körper im Ruhezustand, um seine
Bewegung zu initiieren. Wenn man eine Gruppe von Tönen
spielt, dann ist jede weitere Bewegung nach dem ersten Ton
leichter als beim ersten Ton zu erzeugen; es besteht daher die
Tendenz, schneller zu werden. Um das zu vermeiden, müssen
wir die Zeit, die durch die kleine Beschleunigung innerhalb der
Gruppe gewonnen wurde, vor der nächsten Gruppe abwarten, um
nicht unkontrolliert schneller zu werden ("zu laufen"). Diese
Gruppierung findet in jeder Notenwertebene statt. Jeder Punkt in
einer Ebene fixiert auch die Position der ersten Note der
jeweiligen Gruppe in der unmittelbar untergeordneten Ebene
innerhalb des Taktes. So entsteht eine hierarchische Struktur:
die "Gruppenordnung". (Die Trägheit ist ganz gewiß
nicht die einzige Ursache für die Gruppenordnung; es
würde aber an dieser Stelle zu weit führen, auf die
anderen Faktoren einzugehen.) Die Gruppenordnung stellt die
Proportionen, das heißt, die relativen Abstände
zwischen den Tönen, dar. Die Proportionen sind in Prinzip
fix, können aber nach Bedarf an die Bedürfnisse der
Musik angepasst werden. Diese Korrekturen bilden dann neue,
veränderte Proportionen, die wiederum fix sind. Die
Geschwindigkeit kann jederzeit geändert werden, nicht aber
die Proportionen; die so fixierten "Punkte in der Zeit" bleiben
an ihren Plätzen verankert. Die Proportionen sind unbedingt
notwendig, damit wir immer wissen, in welchem Teil des Taktes
(mit anderen Worten, des Musikflusses) wir uns gerade befinden.
Die Proportionen bilden die Referenzpunkte, die wir brauchen, um
zum Beispiel die Geschwindigkeit zu verändern, oder um
bestimmte Noten länger oder kürzer als die von den
Proportionen vorgegebenen Noten zu gestalten (Echtes Rubato).
- Gibt es
in der Musik auch Yin-Yang...?

Die chinesischen Begriffe Yin und Yang stehen für zwei
entgegengesetzte und sich ergänzende Kräfte oder
Elemente. Wir finden diese Gegensätze überall; hier
sind einige Beispiele in der Reihenfolge Yang-Yin:
Feuer-Wasser
Tag-Nacht
Himmel-Erde
Wärme-Kälte
männlich-weiblich
trocken-feucht
Licht-Finsternis
hell-dunkel
hart-weich
eckig-rund
geradlinig-kurvig
explosiv-implosiv
Kinetische Energie-Potentielle Energie
Zentrifugale Kraft-Zentripetale Kraft
aggressiv-defensiv
kurzlebig-langlebig
expansiv-verdichtend
aktiv-passiv
kreativ (schöpferisch)-rezeptiv (empfangend)
Yin-Yang ist universell und daher nicht geschlechtsspezifisch.
Sowohl beim männlichen als auch beim weiblichen Geschlecht
sind Yin- und Yangkräfte vorhanden. Bei der Frau sind die
Yineigenschaften meistens stärker ausgeprägt als die
Yangeigenschaften und umgekehrt. Für uns Musiker ist es
wichtig zu wissen, wie sich die Kräfte beim Klavierspielen
und beim Musizieren entwickeln. Diese Kräfte können
auf- oder absteigend sein, die allgemeine Spannung kann zu- oder
abnehmen, und die Bewegung kann langsamer oder schneller werden.
Der Anschlag kann direkt, kurz und schnell, also Yang sein, oder
Yin sein, das heißt, seine Geschwindigkeit infolge einer
erhöhten Anfangsspannung zunehmend entwickeln; die für
die Entstehung des Anschlages notwendigen Bewegungen können
rund und der Weg bis zur Erscheinung des Tones etwas länger
sein. Der Rhythmus ist vom Yin-Yang direkt betroffen. Schwere
Taktteile sind nicht nur schwer; sie sind auch Yang; umgekehrt
sind leichte Taktteile auch Yin. Wie schon bei der Gruppenordnung
erklärt, gibt es auch hier eine hierarchische
Gruppenstruktur. Da Yin und Yang keine absoluten, sondern
relative Begriffe sind, kann man nur Gleiches mit Gleichem
vergleichen und so feststellen, ob ein Element mehr Yang oder
mehr Yin als ein anderes ist. Größere Gruppen, die mit
gleich großen verglichen werden, und relativ mehr Yang oder
mehr Yin sind, beinhalten auch kleinere Elemente, die, wiederum
miteinander verglichen, mehr Yang oder Yin sein können. Bei
kleinen Elementen äußert sich das Yin-Yangprinzip eher
in der Qualität der Anschlages, und bei größeren
Elementen äußert es sich in der Qualität (in der
Form und der Spannung) und in der Entwicklung der Geschwindigkeit
der Bewegungen (mit anderen Worten, in den Temposchwankungen).
Zusammenfassend (und stark vereinfacht!) könnte man sagen,
daß Yang das mit Hilfe der Schwerkraft Herabfallende, die
schnelle Abnahme der Spannung und die Zunahme der Geschwindigkeit
bedeutet und Yin, genau umgekehrt, das gegen die Schwerkraft
Aufsteigende (das mit einer größeren Anstrengung
verbunden ist), die langsame Zunahme der Spannung und die damit
verbundene Verringerung der Geschwindigkeit. Das richtige
Musizieren von vier- oder achttaktigen Perioden mit den
entsprechenden kleinen Verlangsamungen nach vier und/oder acht
Takten ist nur ein kleines Beispiel für die Anwendung des
Yin-Yangprinzips.
- Brauche
ich beim Klavierspielen den Körper?
Wenn ja, soll ich ihn direkt einsetzen oder nur indirekt, als
Stütze? 
Ja! Ohne Körpereinsatz kann man nicht Klavier spielen. Bis
zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Tasteninstrumente sehr
leichtgängig; sie hatten auch einen sehr seichten Tiefgang.
Mit der Entwicklung des Hammerklaviers zum modernen Flügel
und dem Trend zum größeren Ton wuchsen sämtliche
Dimensionen. Der Tiefgang verdoppelte sich, genauso wie das
Tastengewicht (letzteres in vielen Fällen sicher mehr als
doppelt so viel). Besonders die Flügel mit Wiener Mechanik
(der Weiterentwicklung der Hammerklaviermechanik), die in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die überwiegende
Mehrzahl darstellten, waren sehr schwergängig. Die Folge war
klar: Mit bloßer Fingerkraft war man nicht mehr in der
Lage, die Tasten effektiv niederzudrücken (das heißt,
sowohl die Anschlagsgeschwindigkeit als auch die Tastenfolge
betreffend, schnell genug niederzudrücken), sodaß die
damit erreichte Lautstärke des Tones und das damit erreichte
Tempo zufriedenstellend waren, und noch dazu, ohne müde zu
werden! Viele florierende Klaviertechniken verloren somit schnell
an Wichtigkeit und verschwanden schließlich ganz, wie zum
Beispiel die berühmte Logiermethode mit dem Chiroplast, dem
Handleiter: einer Leiste, auf der man das Armgewicht bequem
auflegen und daher nur mit den Fingern, ohne Gewicht, spielen
konnte. Die logische Reaktion war der zunehmende Einsatz der
Körpermassen beim Klavierspielen. Diese Körpermassen
wurden direkt eingesetzt, das heißt, direkt in die Tastatur
hineingeworfen. Diese Technik ist, in den verschiedensten
Variationen, die bis heute am weitesten verbreitete. Das Problem
dabei ist, daß die Trägheit solcher Massen schwer
kontrollierbar ist. Die Körpermassen entwickeln ihre eigene
Dynamik, was die zeitliche Einteilung der Bewegungen und ein
genaues Zielen erschwert. Diese mangelnde Kontrolle
beeinträchtigt auch die Anschlagsqualität. Die Folgen
sind schwerwiegend und reichen in vielen Fällen bis zu
Konzentrationsschwächen, Gedächtnislücken und
schmerzhaften Beschwerden. Die Alternative ist die indirekte
Verwendung der Körpers. Der Körper bleibt dabei "oben",
mit anderen Worten, man läßt die Körpermassen
nicht frei hinunterfallen. Das Körpergewicht fließt
zum Sessel hin, und die Finger bleiben dabei frei. Mit gezielten
"Impulsen" werden die Tasten bewegt, wobei der Körper als
Stütze und Referenzpunkt für gezielte Bewegungen
verwendet wird; man spielt sozusagen nicht "mit", sondern "gegen"
den Körper. So kann man die Anschlagsgeschwindigkeit genau
kontrollieren und den Zeitpunkt des Anschlages sowie auch dessen
Qualität bestimmen. Ohne die als Rückendeckung
wirkenden Körpermassen hätten die Finger nicht
genügend Kraft, alle ihre Aufgaben zufriedenstellend zu
erfüllen.
- Warum
verkrampfe ich mich beim Klavierspielen?

Gewicht und Druck erfordern eine Hand- und Körperhaltung,
die das Hin- und Hertransportieren der auf die Finger fallenden,
beziehungsweise auf die Finger wirkenden "Körpermassen"
aushält. Dadurch wird die Handfläche rund und die Hand
schließt sich. Damit verliert sie an Spannweite und die
Finger büssen auch einen Teil ihrer Unabhängigkeit ein.
Sie arbeiten dann zusammen mit dem Daumen mit greifähnlichen
Bewegungen. Diese Bewegungen zielen zum Mittelpunkt der Hand und
entsprechen daher nicht der Richtung in der sich die Tasten
bewegen. Dieses Phänomen verursacht zusätzliche
Spannungen, die den Druck erhöhen. Die Finger bilden
daraufhin kleine Säulen, die das Gewicht und den Druck
aushalten müssen. Die Verminderung der Bewegungsfreiheit und
die schwere Last führen in der Folge zu zunehmender
Steifheit. Als Ausgleich dazu versucht man mit rollenden
Bewegungen den "Transport der Massen" zu erleichtern und die
Gelenke locker zu halten. Das Bedürfnis locker zu sein wird
so zu einer obsessiven Idee. Übermässige Lockerheit
versetzt uns in einen passiven Zustand, in dem wir vielen
pianistischen Aufgaben nicht mehr ausreichend gewachsen sind. Der
Ton wird schwächer und die Geschwindigkeit läßt
nach (besonders bei lauten Passagen); als Ersatz dafür
drücken wir umso mehr und strengen uns zusätzlich an,
um diese Schwäche zu kompensieren. Demzufolge wird aus der
Lockerheit eine erneute Verkrampfung und der Teufelskreis setzt
sich fort..
Als Alternative bietet sich die Eliminierung des Gewichtes und
des Druckes mittels einer angenehmen, bewußten und
kontrollierbaren Spannung (Katzen- oder Jägerhaltung) an,
die den aktiven Zustand gewährleistet und somit einen hohen
Wirkungsgrad erreicht, welcher Überanstrengungen
unnötig macht. Die Gelenke werden dabei nach jedem Anschlag
fixiert, um das freie Fallen der beteiligten Körperteile zu
verhindern. Hier muß man zwischen Fixieren und Steifsein
unterscheiden. Das Fixieren (es bezeichnet eine bewußte
Verankerung einer bestimmten Position - die leicht willentlich
verändert werden kann) erlaubt mir jederzeit die
eingenommene Position ungehindert zu verlassen und eine neue
einzunehmen; ich bin daher in meiner Bewegungsfreiheit nicht
eingeschränkt. Wenn ich dagegen steif bin, kann ich mich nur
schwer bewegen. Diese Bewegungseinschränkung wird durch den
Einsatz von noch mehr Kraft (Druck) "kaschiert", was wiederum
eine Steigerung der Steifheit verursacht.
- Was
müsste bei mir locker sein? Ist eine gewisse Spannung
vielleicht doch notwendig, oder muss ich sie in jedem Fall
vermeiden?

Siehe Frage Nr.
14.
- Sind
auch Gewicht und Druck notwendig?

Siehe Frage Nr.
14.
Gewicht und Druck sind nicht nur nicht notwendig, sondern sie
sind auch die Quelle der meisten Probleme beim Klavierspiel.
Diese Probleme können fallweise überbrückt werden,
indem man die Muskulatur des gesamten Spielapparates durch
intensives Training so weit stärkt, dass sie in der Lage
ist, den treffsicheren "Transport der Massen" zu sichern. Das
erfordert nicht nur viele Übungsstunden, sondern auch eine
entsprechend robuste Konstitution, um diesen enormen
Anstrengungen gewachsen zu sein. Menschen mit einer etwas
schwächeren Konstitution, die vielleicht auch nicht das
Glück hatten, ein verantwortungsvolles und kompetentes
Training zu genießen, sind für pianistische
Krankheiten wie Sehnenscheidenentzündungen, Kreuzschmerzen
usw. besonders anfällig. Diese konstitutionellen
Voraussetzungen waren schon immer ein starkes Auslesekriterium
und das erklärt auch, warum es nur wenigen
Auserwählten, gelingt, den Gipfel der technisch-mechanischen
Perfektion und damit - mit etwas Glück - auch die
angestrebte Karriere, zu erreichen. Im Laufe der Geschichte des
Klavierspiels gab es jedoch immer besondere Genies, die über
den Gipfel der technisch-mechanischen Perfektion hinaus auch noch
die höchsten Ziele der musikalischen Interpretation
erreichen konnten. Meist handelte es sich dabei aber um eine
Symbiose verschiedener Elemente, die in halbbewusstem Zustand,
während der ganzen Entwicklung des pianistischen Lebens,
sich mehr oder weniger zufällig gefunden hatten und dem
hochbegabten Pianisten, bei der Verwirklichung seiner Ziele
behilflich waren. Das zugrundeliegende Problem besteht darin,
dass es kaum kausal aufgebaute Methoden gibt, die ein Ergebnis
auf Ursache-Wirkungs-Funktionen garantieren können. Die
Mehrzahl der herkömmlichen Methoden basiert auf
persönlichen Erfahrungen, ohne die zugrundeliegende
Erkenntnis von fundierten naturwissenschaftlichen Gesetzen und
empirisch systematischen Versuchsreihen. Das Fehlen dieser
Erkenntnis macht es so schwierig die persönlichen
Erfahrungen zielführend zu übermitteln. Die
tatsächlichen Eigenschaften eines "Endprodukts" können
nicht unabhängig vom Weg, auf dem dieses erreicht
(produziert) wird, betrachtet werden. Jede Methode hat die
für sie charakteristischen Eigenschaften und erzeugt daher
auch ein ganz spezifisches Endprodukt; man kann daher gleiche
Ziele nicht mit unterschiedlichen Methoden erreichen. Demzufolge
müssen zuerst klare Ziele definiert werden, bevor man sich
auf die Suche nach der geeigneten Methode zur Erreichung dieser
Ziele begibt. Das bedeutet, dass unterschiedliche Methoden nicht
grundsätzlich als gut oder schlecht einzustufen sind,
sondern dahingehend, wie geeignet sie zur Erreichung eines selbst
definierten Zieles sind. Diese Problematik - nämlich die
Beziehung zwischen Ziel, Methode und Eigenschaften des
"Endprodukts" - hat mich veranlasst eine eigene Methode zu
entwickeln. Die Anwendung von Gewicht und Druck innerhalb des
Klavierspiels versetzte mich nicht in die Lage meine immer klarer
werdenden Ziele zu realisieren - vielmehr stellte es ein
Hindernis auf dem Weg zur Zielerreichung dar. Hat man bisher
allerdings immer mit Gewicht und Druck gespielt, so lässt es
sich kaum erahnen, welche neuen Horizonte (Ziele)(Siehe "Die modulare
Klaviertechnik") sich plötzlich eröffnen -
so können diese Ziele nicht einmal angestrebt werden - an
sich ein Teufelskreis.
- Muß die Handhaltung wirklich "natürlich"
sein?

Der Großteil aller pianistischen Schulen schlägt
folgende Handhaltung vor: Die Handfläche ist gebogen und
bildet eine Höhlung in der Innenseite, beziehungsweise eine
Wölbung am Handrücken, und der Daumen hängt
(senkrecht gesehen) in einer Ebene hinter der Ebene der
Fingerknöchel. Dabei sollte sich die Hand in einem Zustand
vollkommener Entspannung (Passivität) befinden. Diese
Position der "heruntergefallenen Hand" hat auch eine andere
Eigenschaft: Die Handfläche befindet sich in ihrem
"natürlichen Zustand", nämlich gewölbt, weswegen
die meisten Pianisten und Pädagogen versichern, dieser
Zustand wäre tatsächlich der natürliche.
Allerdings stellt sich hier die Frage, ob es überhaupt
natürlich ist, Klavier oder irgendein anderes Instrument zu
spielen. Es gibt kaum eine unbequemere und unnatürlichere
Position als diejenige, die man beim Geigespielen (...die Geiger
mögen verzeihen!) benötigt. Ähnlich verhält
es sich beim Klavierspielen - wenn auch in einem geringeren
Ausmaß. Wir können, daher mit Sicherheit sagen,
daß es zwar Menschen mit einer natürlichen
musikalischen Begabung gibt, sie deshalb aber nicht dazu
genetisch programmiert und daher physisch prädestiniert
sind, ein Instrument zu spielen. Selbstverständlich finden
wir Individuen mit mehr oder weniger physischer Begabung für
diese Aufgabe, aber wir können, vielleicht mit Ausnahme des
Gesanges, nicht behaupten, daß ihr Körper speziell
für dieses Ziel gebaut sei. Es mag natürlich sein, die
Hände zu benützen um etwas zu ergreifen und in den Mund
zu stecken; bei diesem Vorgang bewegen sich der Daumen neben dem
zweiten und dritten Finger auf "natürliche Art". Ein
Instrument zu spielen ist dagegen nicht natürlich; gerade
deshalb sollte man die ökonomischste, effektivste und
bequemste Form suchen, dieses Spiel zu beherrschen. Das Problem
der Passivität ist bereits oben behandelt worden, Siehe Frage Nr.
14.
- Wie soll
meine Handhaltung ausschauen, wenn ich ohne Gewicht und Druck
spielen will?

Eine Klaviertechnik, die bewusst auf Gewicht und Druck
verzichtet, braucht eine Handhaltung, die das angenehme Verweilen
des Spielapparates (Arm, Hand und Finger) in der Luft sowie das
rechtzeitige Bremsen der Finger ermöglicht. Das Verweilen in
der Luft ist die Voraussetzung, um das Gewicht zu unterbinden und
das rechtzeitige Bremsen die Bedingung, um jede Aktivität
des Fingers nach dem Anschlag und somit auch jede
Möglichkeit zu drücken zu vermeiden. Die Hand schaut
ungefähr so aus, wie wenn man jemanden mit einem Haltzeichen
warnen möchte. Sie ist flach, die Finger befinden sich
leicht gerundet über den Handrücken aufsteigend, und
alle Fingerknöchel (Grundgelenke) sind in einer Ebene mit
dem Daumen gereiht. Sein Mittelhandknochen befindet sich
ebenfalls in gleicher Höhe mit den Fingerknöcheln. Der
Handballen ist ebenso flach und von ausreichender Festigkeit, um
mit ihm gegen eine Fläche (z.B. die Kante der Tasten)
klopfen zu können. Alle Finger, mit Ausnahme der Spielenden,
bleiben oben. Diese werden wie folgt bewegt: Jeder Finger streckt
sich zuerst nach vorne, um sich dann, im gestreckten Zustand,
nach unten in Richtung Taste zu biegen. Diese Bewegung im
gestreckten Zustand hat zur Folge, dass das Grundglied bald nach
Anfang der Bewegung in gleicher Ebene wie der Handrücken zu
stehen kommt und nur die Mittel- und Endglieder den Weg zur Taste
fortsetzen. Auf diese Weise und vorausgesetzt, dass die nicht
spielenden Finger oben geblieben sind, kann der Finger wegen der
zunehmenden Spannung nicht zu weit nach unten gelangen und bremst
seine Anschlagsbewegung ohne bewusstes Handeln und damit auf
natürliche Art. Der so gebremste Finger ist somit nicht mehr
aktiv und alle Gelenke des Spielapparates werden bis zum
nächsten Anschlag so fixiert, dass der Finger sich mit dem
Rest des Körpers vereint und dieser die Kontrolle der
Bremsebene (Tastenhöhe) übernimmt. Die kleinste
Körperbewegung wird nun durch Veränderung der
Höhen- und oder Seitenlage an der Fingerspitze sichtbar.
Gehoben werden die Finger auf dem selben Weg wie sie zur Taste
gekommen sind, das heißt, dass das Endglied und keinesfalls
das Grundglied das erste ist, das nach oben steigt.
- Und die
Körperhaltung... gibt es auch hier genaue Anweisungen? Wie
hoch und in welcher Entfernung zur Tastatur soll ich am Klavier
sitzen?

Wenn wir unser Ziel, Gewicht und Druck zu beseitigen, erreichen
wollen, spielt unser Körper eine enorm wichtige Rolle. Wie
oben beschrieben (Siehe Frage Nr. 13)
muss jedes Gewicht nach unten zur Sitzfläche geleitet werden
und darf auf keinem Fall in die Tasten fließen. Der
Körper und die Teile des Spielapparates, die zu ihm
gehören, von den Armen bis zu den Händen, dürfen
keinerlei aktiven Druck auf die Finger und durch diese auf den
Tastengrund ausüben. Wir sitzen mit einem aufrechten
Rücken, der Kopf ruht mit seinem Schwerpunkt lotrecht in
Verlängerung der Wirbelsäule. Die Schulterblätter
sind leicht auseinander gezogen, während der Brustkorb nach
vorne empor zeigt. Die Arme sehen aus, als würden sie ein
überdimensioniertes Hufeisen in der Luft umklammern und die
Ellbögen sind ungefähr eine Handbreite vom Körper
entfernt. Die Handrücken liegen in einer Ebene mit der
Oberseite der Unterarme. Die Sitzhöhe wird so gewählt,
dass die Unterarme, in der oben beschriebene Haltung, leicht
abfallend in Richtung der Tasten geneigt sind. Die Entfernung des
Körpers zur Tastatur ist in den meisten Fällen richtig
(die folgende Faustregel ist vom persönlichen Körperbau
abhängig), wenn beim Sitzen, die vordere Kante der
Klavierbank zwischen den Knien und der Hüfte auf halber
Strecke liegt und die Knie leicht unter der vorderen Kante des
Stuhlbodens (= Klaviaturboden) platziert sind. Diese Entfernung
garantiert gleichzeitig Stabilität und Freiheit in den
Bewegungen. Im Gegensatz dazu beeinträchtigt das Sitzen auf
der ganzen Sitzfläche in hohem Maße diese Freiheit.
Ähnlich das Sitzen auf der Kante oder auf einer nach unten
geneigten, schrägen Sitztfläche, wie es bei einigen
Modellen von Klavierbänken der Fall ist: Es macht den
Körper so instabil, dass die Hände, um das
Gleichgewicht nicht zu verlieren, als Stütze für den
ganzen Körper benötigt werden. Es ist wohl klar, dass
eine solche Vorgangsweise nur Druck auf den Tastengrund
verursachen kann!
- Wie
wirken sich physikalische Gesetze beim Musizieren
aus?

Die Musik selbst unterliegt den Gesetzen der Physik in den
Bereichen Akustik und Zeit. Das Wort Akustik stammt aus dem
griechischen akoustikós, "das Gehör betreffend". In
der Physik versteht man daher unter Akustik die Lehre vom Schall,
die alle Erscheinungen umfasst, die man über das Ohr
empfangen kann. Musik entsteht und lebt in der Zeit. Sie ist aus
diesem Grund nicht konkret, nicht greifbar und somit nur ein
Produkt unseres Erinnerungsvermögens. Die in der Musik so
oft und so gern verwendeten Worte "Bewegung" und
"Geschwindigkeit" möchte ich in ihrer Bedeutung hier noch
einmal untersuchen: Die Bewegung und die Geschwindigkeit
(Geschwindigkeit als Indikator einer gleichförmigen,
beschleunigten oder verzögerten Bewegung) existieren in
Wirklichkeit in der Musik nicht. Wir können das Wort
Geschwindigkeit verwenden, um die Zeit zu präzisieren, die
der Ausführende braucht, um sich an seinem Instrument von
einem Platz zum anderen zu bewegen und so eine Reihe von
Tönen zu erzeugen. Wir können aber nicht von
Geschwindigkeit reden, wenn es darum geht die Zeit zu bestimmen,
die ein Ton braucht, um die Entfernung zu durchlaufen, die ihn
vom nächsten Ton trennt. Es gibt aber keine Entfernung, weil
Entfernung ein räumlicher Begriff ist und es zwischen zwei
Punkten in der Zeit nur die Zeit geben kann! Entfernungen gibt es
in der geschriebenen Musik, auf dem Papier, aber nicht in deren
zeitlicher Verwirklichung. Was wir unter Geschwindigkeit in der
Musik verstehen, ist nichts anderes als die höhere oder
niedrigere Frequenz (gemeint ist die Häufigkeit nicht die
Tonhöhe!) in der Folge der Töne; die Erhöhung
dieser Frequenz wird als Erhöhung der Geschwindigkeit
interpretiert und umgekehrt. Es handelt sich um eine einfache
Assoziation, weil ein Objekt, das sich schnell bewegt, zum
Beispiel eine Maschine, in der Regel viel mehr Töne erzeugt
- gleichzeitige oder aufeinander folgende, mehr oder weniger
regelmäßige - als ein Objekt, das sich langsam bewegt.
Daraus wird klar, dass sich nicht die Musik bewegt, sondern wir
diejenigen sind, die sich bewegen, wenn wir unser Instrument
spielen. Wie bei allen Körpern die sich bewegen, spielt auch
hier die Trägheit der Masse eine entscheidende Rolle: Sie
bestimmt die zeitliche Reihenfolge und die Intensität der
Töne. Die Trägheit der Masse äußert sich
praktisch in jeder durchgeführten Bewegung und beeinflusst
diese; daher bildet sie auch die Grundlage für die meisten
Vortragsregeln. Jede Richtungsänderung, zum Beispiel bei
einem Wendepunkt, entwickelt eine Zentrifugalkraft und eine
Kurve, in der durch den Einsatz neuer Kräfte die Bewegung
zuerst abgebremst wird und erst im Anschluss daran wieder
zunimmt, sobald sich die neue Richtung etabliert hat. Ein anderes
Beispiel sind die Akzente. Wir können zwischen zwei
Grundarten von Akzenten unterscheiden, den Ausdrucksakzente und
den Unterstreichungsakzente: Ausdrucksakzente verändern das
Fließen der Töne in ihrer zeitlichen Erscheinung, und
somit den Rhythmus. Unterstreichungsakzente heben nur manche
Töne hervor, die in einer anderen Notenwertebene, in einem
anderen Instrument oder in einem anderern Bereich desselben
Instrumentes (z. B bei einer anderen Stimme) vorkommen. Dabei
wird die vorhandene Frequenz (Pseudo-Bewegung) nicht
verändert und der Rhythmus bleibt unangetastet. Zu den
Ausdrucksakzenten gehören zwei Unterkategorien:
Platzgreifende- oder Platzraubende-Akzente und Impulsgebende-
oder Vorantreibende-Akzente. Die ersten finden wir bei Noten, die
von Tönen mit kürzeren oder gleichen Wert und die
zweiten bei Noten, die von Tönen mit längeren oder auch
gleichen Wert gefolgt werden. Im Falle der Platzgreifende-Akzente
hat die lange Note die Zeit, um die Wirkung der Trägheit
abklingen zu lassen und sich so auf Kosten der daraus folgenden
kürzeren Noten auszubreiten. Der Ton mit dem
Impulsgebende-Akzent hat hingegen diese Zeit nicht und muss
deshalb seine überschüssige Energie der folgenden
längeren Note übergeben. Dadurch verliert er an Wert
zugunsten dieser folgenden Note und die Trägheit der Masse
verursacht in diesem Fall eine Erhöhung der Frequenz. Alle
Phänomene, die die Ausdrucksakzente betreffen, sind von der
Frequenz abhängig: Je höher die Frequenz und damit
zugleich die Geschwindigkeit unserer Bewegungen, die diese
Frequenz verursachen, desto größer ist auch der
Einfluss der Trägheit. Somit kann der Vorantreibende-Akzent
auch bei gleichen Notenwerten die oben genannte Wirkung
hervorrufen. Im Gegensatz dazu kann der Platzraubende-Akzent bei
niedrigen Frequenzen, auch wenn ihm gleichwertige Noten folgen,
den betonten Ton auf Kosten dieser Noten ausdehnen.
|