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Baugin, Das Stilleben mit dem Schachbrett, Versuch einer Ikonographie (1992)
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Frühe Darstellungen der 5-Sinne
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Daß Baugins Stilleben mit Schachbrett eine Anspielung auf die 5-Sinne beinhaltet, wird von niemanden bestritten, es mag deshalb recht nützlich sein, sich dem Topos der Fünf-Sinne-Darstellungen und seiner Geschichte näher zu widmen. Die erste Erwähnung der 5-Sinne findet man in den Schriften des Aristoteles ("De Anima", "De Sensu et Sensibilibus") , und bereits hier werden die wichtigsten Eigenschaften der formalen Darstellung beschrieben: die Fünfzahl, die feste Reihenfolge (1. Gesicht, 2. Gehör, 3. Geruch, 4. Geschmack, 5. Tastsinn) und die Zuordnung der Sinne zu den vier Elementen. Auch existiert ein "communis sensus", der die Erfahrungen der übrigen koordiniert. Ähnliches begegnet uns bei späteren Autoren als "sensus interni et interiores", "mens" oder "ratio". Xenophon erzählt uns in seinen "Memorabilia" das Gleichnis von Herkules am Scheideweg . Die Sinne werden hier als Vermittler sinnlicher, will heißen sündiger Erfahrungen beschrieben, wobei sich an dieser Stelle besonders der Tastsinn als nützlich erweist. Jüdisch-christliche Schriftsteller nahmen diese Anregung auf und verglichen die Sinne mit Pfaden, auf denen sich die Sünde der Seele nähert (Philo, Lactantius), obwohl auch der gute Christ auf Sinneseindrücke angewiesen ist, da er doch die Frohe Botschaft mit dem Gehör vernimmt . Schon bei Plinius d. Ä. beginnt die Zuordnung der 5-Sinne zu bestimmten Tieren, denen jeweils besondere Sinnesleistungen nachgesagt wurden: Es hat der Adler scharfe Augen, der Maulwurf kann gut hören, der Geier hat einen feinen Geruchssinn. Später wurde auch der Luchs Symboltier für den Gesichtssinn, der Eber (manchmal auch der Hirsch) für das Gehör, der Hund ersetzte oft den Geier. Affen waren zuständig für den Geschmack, die Spinne und die Schildkröte für den Tastsinn. Eine bildliche Darstellung der 5-Sinne aus der Antike oder dem frühen Mittelalter ist uns nicht bekannt, erst als Illustration zu einer Handschrift der 13. Jahrhunderts (Alanus ab Insulis: "Anticlaudianus") tritt sie erstmals auf. Die Sinne werden veranschaulicht durch 5 Pferde, denen erkärende Attribute (z.B. ein Kopf mit einer zum Mund zeigenden Hand: Geschmack) beigefügt sind. |





Alanus ab Insulis "Anticlaudianus", 13.Jh.
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Als Rad mit 5 Speichen und Tiersymbolen werden die Fünf-Sinne auf einer Wandmalerei zu Anfang des 14. Jahrhunderts dargestellt .Ein colorierter bayrischer Holzschnitt um 1480 zeigt den Gesichtssinn schon als Menschenkopf, der sich in einem Spiegel betrachtet . In einer Folge von Tapisserien franko-flämischen Ursprungs (ca. 1530) erscheint uns fünfmal eine höfisch gekleidete Dame, jeweils mit einem Einhorn und einem sinnbezeichnenden Attribut. Die später sehr beliebte Darstellungsweise der Fünf-Sinne als fünf spärlich bekleidete Mädchen begegnet uns ca. 1530 bei den 5 Gravuren des Georg Pencz . Die Damen werden von den jeweils passenden Tierfiguren begleitet und mit anderen typischen Attributen (Musikinstrumente, Blumen etc.) ausgestattet. Ähnliche Werke gibt es von Frans Floris (ca. 1565) und vielen späteren Künstlern. Der Gesichtssinn präsentiert sich uns als eine sich im Spiegel betrachtende Dame zusammen mit einer leuchtenden Sonne und einem Adler,... |

Frans Floris, ca. 1565
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...für die Darstellung des Gefühls läßt sich eine andere von einem Vogel in die Hand beißen; mit im Bild: eine Schildkröte und ein Spinnennetz. Martin de Vos fügt im Hintergrund noch passende biblische Szenen ein . |

Martin de Vos
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Häufig war auch die Versinnbildlichung des Gefühls als Liebespaar, das sich umarmt und kost, so in Holzsschnitten von Jean Drouyn (1583) oder in dem Fünf-Sinne-Bild von A. van Noort . |

Jean Drouyn 1583: "Geruch"

A. van Noort
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1593 brachte Cesare Ripa seine erste Auflage seiner "Iconologia" heraus, der wegen ihrer ungeheuren Popularität noch zahllose andere folgen sollten. Er wendet sich damit an Dichter, Prediger, Maler, Bildhauer, Theaterleute und andere, um ihnen Hilfe in der Darstellung von damals üblichen Topoi, wie der Kardinaltugenden, Laster, Erdteile, der 5-Sinne, der freien Künste, der Todsünden und vieler mehr zu bieten. Die Umsetzung der Fünf-Sinne geschieht im wesentlichen wie bei Frans Floris beschrieben: Visus: ein junger Mann mit Spiegel, Luchs, Adler; Auditus: Lautenspiel mit Eber; Gustus: ein tafelndes Paar mit Affe; Odoratus: ein Knabe an Blumen riechend mit Hund; Tactus: Dame mit Vogel und Spinnennetz. Angereichert wird die Beschreibung mit jeweils passenden Szenen aus der klassischen Literatur. So kann man also annehmen, daß die meisten Künstler zur Zeit von Baugin, und wahrscheinlich auch er selbst, viele dieser Kunstwerke, ganz besonders das Buch von Ripa, gekannt haben müssen, und sie hätten sich, so sie beispielsweise eine Fünf-Sinne-Allegorie planten, sicher von diesen Ideen beeinflussen lassen. |