Wastl's Musicologische Seite

Das Cembalospiel in England in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts

 

Englische Kielklaviere des 17. Jahrhunderts

 Das englische Cembalo   Das englische Virginal   Das englische Spinett

  Aufzählung Instrumentenbauer
 pin03f.gifHasard  pin03f.gifHaward  pin03f.gifHatley  pin03f.gifKeene  pin03f.gifLeversidge  pin03f.gifLoosemore  pin03f.gifPlayer  pin03f.gifRevallin  pin03f.gifSlade  pin03f.gifTisseran  pin03f.gifTownsend  pin03f.gifJames White  pin03f.gifThomas White

 

 

 

 

 Das englische Cembalo

pin03f.gifCembalo John Hasard 1622 (Knole Harpsichord)
    pin03f.gifCembalo Charles Haward 1683
 
   pin03f.gifCembalo Joseph Tisseran 1710
 
   pin03f.gifCembalo Benjamin Slade ca.1720

 

Gemessen an der Menge von erhaltenen Spinetten, mutet die Anzahl originaler englischer Cembali aus dem 17. Jahrhundert enttäuschend an. Nur zwei Instrumente lassen sich zweifelsfrei in diese Kategorie einordnen. Es sind dies das Knole-Harpsichord aus dem Jahre 1622 und das Instrument von Charles Haward aus dem Jahre 1683. Das bekannte Claviorganum des Lodewijk Theeuwes (1579) paßt weder in diesen Zeitrahmen noch läßt es sich als Beleg früher englischer Cembalobaukunst verwenden. [...] Ein weiteres Cembalo, das sich derzeit in Los Angeles befindet und bei Boalch unter dem Namen „Cassus, Jesses“ geführt wird, könnte englischen Ursprungs sein. Diese Verdacht wird aber primär durch die englische Außengestaltung genährt; Russel beispielsweise vermutet, hier handle es sich um ein italienisches Cembalo mit englischer Dekoration.

Aus zwei, vielleicht drei erhaltenen Instrumenten eine eigene, frühe englische Cembalobauschule erklären zu wollen ist illusorisch, doch zeigt es sich, daß in England nicht etwa italienische oder flämische Cembali kopiert, sondern eigenständige Konstruktionen entwickelt wurden, welche die Besonderheiten beider Stile übernahmen.

Das Knole-Harpsichord, das nach den Überlegungen von Ann & Peter MacTaggart von einem uns ansonsten unbekannten Baumeister namens John Hasard im Jahre 1622 gefertigt wurde, weist zunächst Eigenheiten der italienischen Schule auf: die lange, schmale Gehäuseform, die für Italien typische Überlappung der Seitenteile über die Bodenplatte, die schräge Anordnung der Springerleisten. Typisch flämisch jedoch sind die zweiteiligen Führungen der Springer (Rechenkonstruktion), die an der Oberseite mit Leder bedeckt sind, und der mit dem Holz des Resonanzbodens furnierte Stimmstock. Auch ist die von Hubbard bei diesem Instrument vermutete Transpositionsvorrichtung eine Erfindung flämischer Cembalobaumeister. Als englische Eigenheiten können die verzahnten Ecken der Seitenteile (dovetail, Schwalbenschwanz-fugen) und die äußere Gliederung der Seitenteile in Paneele angesehen werden: diese Merkmale begegnen uns auch später bei englischen Spinetten. John Koster wiederum erblickt in diesem Instrument (und im frühen englischen Stil überhaupt) eine konsequente Weiterentwicklung des frühen flämischen bzw. norddeutschen Stils in der Zeit vor Ruckers, wie er durch Theeuwes und andere eingewanderte Cembalobaumeister nach England gebracht worden ist.

Über das in Kalifornien befindliche Instrument „Jesses Cassus“ ist der Wissensstand leider sehr gering. Weder kann die Inschrift „Jesses Cassus“ auf dem Stimmstock erklärt werden, noch kann für die Herstellung eine Jahreszahl oder ein Ort angegeben werden. Die Dekoration, von den Paneelen bis zu den Malereien, die englische Landschaften zeigen, lassen auf ein frühes englisches Cembalo schließen, ebenso die verwendete Kombination von Hölzern und die Einlegearbeiten an den Obertasten. [...]. Die äußeren Abmessungen sowie die Verwendung von Buchsbaum für die Untertasten sprechen für den italienischen Stil. Aus der Tatsache, daß zumindest eines der Achtfußregister verstellbar ist, kann man auf eine zweiteilige Rechenkonstruktion als Springerführung schließen, was weniger charakteristisch für ein italienisches Cembalo wäre. Interessant sind auch die Spuren eines früher vorhandenen Nasalregisters, eine Eigenheit, die dieses Instrument mit dem im folgenden beschriebenen Cembalo des Charles Haward gemein hat.

An diesem Instrument von Haward aus dem Jahre 1683 wurde zwar der Stimmstock komplett erneuert, doch sind an den Innenseiten des Gehäuses noch die Halterungen für die Dockenleiste des Nasalregisters gut zu erkennen. Springerführungen sowie die Tastaturmechanik sind nach flämischem Stil ausgeführt: typisch ist hier die Leiste hinter den Tastaturhebeln, die den Anschlag begrenzt, wohingegen bei italienischen Cembali der Anschlag häufig nur durch die Dockenleiste abgefedert wird. Im früheren Originalzustand waren die oberen Springerführungen durch die rechte Seitenwand herausgeführt worden um die Register einzeln ein- und ausschalten zu können: Auch das ist ein Charakteristikum flämischer Cembali. Der Innenaufbau des Gehäuses (durchgehende Bretter verlaufen schräg von der geraden Seitenwand an der Bodenplatte entlang zur gebogenen Wand und sorgen so für Stabilität) hat nichts mehr mit der fragilen Bauweise der Italiener zu tun. Der Resonanzbodensteg hingegen erinnert stark an italienische Instrumente. Er verläuft in einer steilen Kurve vom Spieler weg um dann im Baßbereich mit einem Knick zu enden. Ebenfalls wäre die Anordnung der Springerleiste, die leicht schräg und daher im Baßbereich weiter von der Tastatur entfernt ist als im Diskant, ein typisches Merkmal eines italienischen Cembalos. Die doppelt gebogene Seitenwand hingegen findet sich weder bei flämischen noch bei italienischen Vorbildern, sondern bei den Cembali der Hamburger Schule.

 

 Das englische Virginal

pin03f.gifVirginal Gabriel Townsend 1641
    pin03f.gifVirginal Thomas White 1642 
    
pin03f.gifVirginal John Loosemore 1655
    
pin03f.gifVirginal James White 1656
    pin03f.gifVirginal James White 1661
    
pin03f.gifVirginal John Player 1664
    pin03f.gifVirginal Robert Hatley 1664
    pin03f.gifVirginal Adam Leversidge 1666
    
pin03f.gifVirginal Stephen Keene 1668
    pin03f.gifVirginal Adam Leversidge 1670
    
pin03f.gifVirginal Charles Revallin1679

 

Für den Zeitraum von 1641 bis 1684 sind insgesamt 19 Virginale englischer Herkunft erhalten. Es sind dies ausschließlich rechteckige Instrumente, bei denen, wie bei den flämischen Spinett-Virginalen, die Tastatur links an der Vorderseite zu finden ist. Über den englischen Virginalbau vor 1641 ist wenig bekannt, doch dürften solche Instrumente schon früher beliebt gewesen sein. Das beweist auch das Titelbild der Parthenia (ca. 1612), das eine Dame an einem typisch englischen Virginal abgebildet zeigt. Ab den 70er Jahren des 17. Jahrhunderts wurde das rechteckige Virginal zunehmend von dem neu in Mode gekommenen, flügelförmigen Spinett verdrängt, sodaß einige Instrumentenbaumeister, die in ihren früheren Jahren Virginale gefertigt hatten, dieses neue Instrument ins Programm nehmen mußten. Ein Beispiel dafür ist Stephen Keene, von dem heute einerseits zwei Virginale aus den Jahren 1668 und 1675 existieren, andererseits ab 1685 eine Menge flügelförmige Spinette. [...] Insgesamt 19 Virginal-baumeister aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts sind uns bekannt, von 12 sind uns Beispiele ihrer Kunst erhalten geblieben. Das älteste Virginal ist jenes von Gabriel Townsend aus dem Jahre 1641, das jüngste jenes von Thomas Bolton aus dem Jahre 1684.

Wiewohl das englische Virginal dem flämischen Modell sehr ähnelt, weist es doch mehrere Eigenheiten auf, sodaß von einer bloßen Weiterentwicklung des flämischen Stils nicht gesprochen werden kann. Der augenfälligste Unterschied ist der gewölbte Deckel des englischen Virginals, was schon am Titelbild der Parthenia zu sehen ist. Italienische Einflüsse sind an der Tastatur festzustellen, wo häufig Untertasten aus Buchsbaum verwendet werden, im Gegensatz zum Knochen- oder Elfenbeinbelag der flämischen Instrumente. Ebenso ähneln die Holzzapfen, die am hinteren Ende der Tastaturhebel in Führungsschlitzen verlaufen, der typisch italienischen Tastaturmechanik.

 
Abb. aus Hubbard Frank, Three Centuries of Harpsichord Making, 6. Aufl. London 1976, Plate XVIII, Abb.6 & 5

Englische Virginale sind auch an der Springerleiste zu erkennen, die zuerst im rechten Winkel von der Vorderseite weg, und nach einem Knick schräg nach rechts über dem Resonanzboden und den Saiten verläuft. Dieser Stil war zwar auch in den Niederlanden nicht unbekannt, wurde dort jedoch nicht so konsequent verwendet.


 Abb. aus Hubbard Frank, Three Centuries of Harpsichord Making, 6. Aufl. London 1976, Plate XVIII, Abb.4

Wie auch bei den übrigen englischen Kielklavieren dieser Zeit wird für das Gehäuse gerne Walnußholz verwendet, das außen nach englischem Stil oft mit Paneelen verziert ist. Während bei flämischen Virginalen häufig bedruckte Papiertapeten das Instrument an der Außen- und Innenseite schmücken (beliebt waren auch lateinische Sinnsprüche an der Deckelinnenseite), zog man in England vergoldetes Pergament außen, und kunstvolle Malereien an den Innenseiten vor. Die Saitenlänge im Diskant ist in der Regel kürzer als bei vergleichbaren flämischen Instrumenten. Dafür ist meist bei englischen Virginalen ein größerer Tastaturumfang vorhanden. Üblich ist ein Umfang von GG/BB–d3 mit einer kurzen Oktave. Gebrochene Tasten werden nicht verwendet. Bei zwei Instrumenten (HATLEY, R. 1664, KEENE, S. 1668) beträgt der Umfang sogar FF,GG-d3.[...]

 

Das englische Spinett

pin03f.gifSpinett Charles Haward 1689
    pin03f.gifSpinett Charles Haward n.d.
    pin03f.gifSpinett Charles Haward 1684
    pin03f.gifSpinett Stephen Keene n.d. (ehem.G.Fiske Mus.)
    pin03f.gifSpinett Stephen Keene n.d. (Deerfield)
    pin03f.gifSpinett Stephen Keene n.d. (Hamamatsu)
    pin03f.gifSpinett Stephen Keene 1700
    pin03f.gifSpinett John Player n.d.

    pin03f.gifSpinett Benjamin Slade 1705?

    pin03f.gifSpinett Benjamin Slade 1716

 

Das typische Tasteninstrument für den englischen Musikliebhaber ab den 1670er Jahren war das flügelförmige Spinett, welches das bis dahin sehr beliebte rechteckige Virginal ablöste.


Spinett, spätes 17.Jh, Russell Collection, Edinburgh
aus: Russel Raymond, The Harpsichord and Clavichord, 2nd ed. London 1959, Abb.60

Die weite Verbreitung englischer Spinette läßt sich auch aus der Vielzahl erhaltener Instrumente aus jener Zeit schließen. Anscheinend kam diese Form des Spinetts im Zuge der Restauration aus Frankreich nach England: König Charles II., der das Exil in Paris verbrachte, war für seinen französischen Geschmack in musikalischen Belangen bekannt. Nichtsdestotrotz ist das flügelförmige Spinett ursprünglich wahrscheinlich eine italienische Erfindung: das älteste erhaltene Instrument wurde, wie bereits erwähnt, von Girolamo Zenti ungefähr im Jahre 1631 gefertigt. Zu der Genese des englischen Spinetts paßt es, daß Zenti von ca. 1660 bis Februar 1662 am Hof von Louis XIV. in Paris beschäftigt war. 1664 scheint er in London am Hof Charles II. als King’s Virginal Maker auf, doch reiste er im selben Jahr weiter nach Rom  . Es ist gut möglich, daß das Spinett durch die Verwendung am Hof auch bei Privatpersonen in Mode kam und sich bald niemand für das „antiquierte“ Virginal interessierte.[...]

Die zwei ältesten erhaltenen englischen Spinette in Flügelform stammen von Thomas Hitchcock d. Ä., und werden mit 1660 und 1664 datiert. Manche Experten bezweifeln diese Jahreszahlen: erstere könnte mit einer Produktions-nummer verwechselt worden sein, zweitere wird ebenfalls in Frage gestellt  , wiewohl eine Inschrift „Thos. Hitchcock his make in 1664“ lesbar ist. In der Tat sind von anderen Instrumentenbauern solche Spinette erst ab 1680 erhalten (John Player 1680, Charles Haward 1683, Stephen Keene 1685, Benjamin Slade 1690), doch wurden sie nach Samuel Pepys’ Aufzeichnungen zumindestens ab dem Jahre 1668 beispielsweise von Charles Haward hergestellt.

Das typische englische Spinett des 17. Jahrhunderts wurde aus Walnußholz hergestellt; die rechte Seitenwand ist meistens einfach gebogen. Die Untertasten wurden häufig aus Ebenholz gefertigt oder zumindest schwarz gefärbt. Die Obertasten sind hell: entweder mit Elfenbein oder Knochen belegt. Diese Farbgebung weist ebenfalls auf den französischen Ursprung des Spinetts hin. Gerne wurden die Obertasten mit streifenförmigen Einlegearbeiten verziert (skunktail-sharps). Auch das Namensbrett wurde mit Einlegearbeiten geschmückt: charakteristische Motive sind Blattwerk und Vögel, wie sie beispielsweise bei Instrumenten von Stephen Keene auftauchen. Bisweilen wurden die Gehäuseinnenseiten auch furniert; gerne wurde hierbei Zedernholz verwendet. Andere Instrumente wurden durch kunstvolle Messingscharniere geschmückt.

Der Umfang des frühen englischen Spinetts beträgt oft GG/BB-d3 mit einer gebrochenen Oktave, seltener mit einer kurzen Oktave. Die Saiten werden knapp nach dem Stimmstocksteg angerissen, was dem Instrument einen hellen, dem Cembalo ähnlichen Klang gibt. Die Saitenlängen sind eher kurz, um die Abmessungen des Spinetts gering zu halten. Eine Besonderheit stellt das Instrument, welches John Player 1680 hergestellt hatte dar, da es als einziges erhaltenes Spinett zwei Saitenbezüge (2x8’) aufweist. Im Laufe des 18. Jahrhunderts werden schließlich etwas größere Instrumente gebaut, bei denen auch die Saiten länger sind und der Anrißpunkt ein wenig vom Stimmstocksteg wegrückt. Dies bewirkt eine dünklere Klangfärbung. Auch kommt die double bentside Gehäuseform bei den Spinetten mehr in Mode.

 

     

Instrumentenbauer

 

 

 

Home